{"id":189,"date":"2006-06-23T12:15:00","date_gmt":"2006-06-23T10:15:00","guid":{"rendered":"http:\/\/trivialdelight.de\/?p=189"},"modified":"2022-08-15T10:09:54","modified_gmt":"2022-08-15T08:09:54","slug":"mein-senf-einkaufen-nach-20-uhr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/trivialdelight.de\/?p=189","title":{"rendered":"Mein Senf: Einkaufen nach 20 Uhr"},"content":{"rendered":"<p>Ich muss zugeben, dass ich die momentanen verl\u00e4ngerten \u00d6ffnungszeiten bislang noch nicht genutzt habe. Ich war weder nach 20 Uhr noch am Sonntag einkaufen, obwohl ich generell f\u00fcr die Abschaffung des Ladenschlussgesetzes bin.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Irrtum ist ja meiner Meinung nach, dass bei Abschaffung des Ladenschlussgesetzes erstens alle L\u00e4den sowieso von jetzt auf gleich rund um die Uhr ge\u00f6ffnet sein m\u00fcssten und zweitens, dass dann die gro\u00dfen Ketten die kleinen L\u00e4den endg\u00fcltig alle \u00fcberrollen und kaputt machen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bin ich kein Wirtschaftsgenie und kann auch ebenso wenig in die Zukunft sehen, aber ich w\u00fcrde mal behaupten, dass weder das eine noch das andere ernsthaft passieren wird.<\/p>\n<p>Im Gegenteil: Die Aufhebung des Ladenschlussgesetzes k\u00f6nnte gerade den kleineren L\u00e4den zugute kommen. Jedenfalls, wenn mal ein wenig weiterdenkt (und dabei m\u00f6glichst optimistisch ist, wie das halt so meine Art ist).<\/p>\n<p>Ich habe insgesamt ca. vier Monate in den USA verbracht, davon fast drei in Hoboken, New Jersey, das dankbarerweise ungef\u00e4hr f\u00fcnfzehn Minuten (wahlweise mit dem Bus, der U-Bahn oder der F\u00e4hre) von Manhattan entfernt ist. Letztes Jahr haben wir unsere zweiw\u00f6chige Chicago-und-Gro\u00dfe-Seen Tour gemacht. Dementsprechend bilde ich mir ein, zumindest ein bisschen \u00fcber die Gepflogenheiten des amerikanischen Einzelhandels sagen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das, was hier so teufelsgleich an die Wand gemalt wird, hab ich da jedenfalls nicht sehen k\u00f6nnen. Im Gegenteil, w\u00e4hrend bei uns die kleinen L\u00e4den in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden auf und dann wieder dicht machen, gibt es z.B. in New York City und Chicago unglaublich viele kleine spezialisierte Gesch\u00e4fte. Wahrscheinlich macht da auch gelegenlich mal eins pleite und ein anderes r\u00fcckt nach, aber insgesamt machte der Einzelhandel da einen relativ gesunden Eindruck auf mich.<\/p>\n<p>Nun aber zu den \u00d6ffnungszeiten und zu dem Mythos, dass in den USA immer alles um jede Zeit ge\u00f6ffnet h\u00e4tte. Das ist jetzt mal richtiger Bl\u00f6dsinn. Ein Bekannter besitzt im Untergeschoss des Sears Towers in Chicago einen Blumenladen. Am Wochenende hat dieser Laden zu. Und zwar nicht nur am Sonntag, sondern auch am Samstag. Kommt eh keiner, weil am Wochenende im Loop nichts los ist. Auch unter der Woche ist der Laden (wenn ich mich richtig erinnere) nur bis 17 oder 18 Uhr ge\u00f6ffnet. Nix rund um die Uhr. Nix bis sp\u00e4t in die Nacht. W\u00fcrde sich auch gar nicht lohnen.<\/p>\n<p>Auch ansonsten hab ich viele kleine L\u00e4den gesehen, die erst am sp\u00e4ten Vormittag \u00f6ffneten, sich lange Mittagspausen g\u00f6nnten, oder schon recht fr\u00fch am Nachmittag wieder dicht machten. Eben immer so, wie es gerade passte. Wenn die Kunden erst am Nachmittag kommen, bitte. Macht man den Laden halt morgens gar nicht erst auf. Wenn ab 17 Uhr eh nichts mehr los ist, auch gut. Macht man halt zu und geht nach Hause. Flexibilisierung ist hier das Zauberwort. Letztendlich wird die Nachfrage kl\u00e4ren, wann und wie lange man ein Gesch\u00e4ft ge\u00f6ffnet haben sollte.<\/p>\n<p>Ich frage mich ja auch, ob der Einzelhandel nicht die letzte Bastion ist, wo noch gro\u00dfe Arbeitszeitsregelungs-Fahnen geschwenkt werden, w\u00e4hrend \u00fcberall anders schon l\u00e4ngst andere Gesetze gelten.<\/p>\n<p>Meine vertraglich festgelegte 40-Stunden-Woche ist ja de facto auch eher eine 42-Stunden-Woche und dabei habe ich das dumpfe Gef\u00fchl, dass das noch harmlos ist. Wenn die Gesch\u00e4fte nur bis 18:30 ge\u00f6ffnet h\u00e4tte, k\u00f6nnte ich teilweise unter der Woche gar nicht einkaufen, weil ich einfach morgens nicht wei\u00df, wann ich nachmittags aus dem B\u00fcro komme. Wenn ich nach der Arbeit zur Post muss, muss ich teilweise dann fr\u00fcher gehen. So kluge Leute, die mir dann erz\u00e4hlen wollen, es k\u00e4me alles nur auf die Planung an, k\u00f6nnen sich wohl gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, denn viele, viele andere Leute k\u00f6nnen halt nicht mehr so einfach planen, wenn eine Deadline erf\u00fcllt oder ein dringendes Problem behoben werden muss.<\/p>\n<p>Mal abgesehen davon, dass ich eigentlich auch gar kein Planungsgenie sein will. Ich w\u00fcrde gerne spontan und flexibel entscheiden k\u00f6nnen, wann ich einkaufen gehe. Und wenn ich dann Sonntag  abends Lust habe, in einem B\u00fccherladen zu st\u00f6bern oder Schuhe zu kaufen, warum sollte ich das nicht prinzipiell k\u00f6nnen d\u00fcrfen? Wenn dann in der N\u00e4he kein Laden ge\u00f6ffnet ist, ist es mein Problem. Wenn aber jemand in der N\u00e4he seinen Laden gerne um diese Zeit \u00f6ffnen w\u00fcrde, warum nicht?<\/p>\n<p>Und nun die Geschichte mit den armen Arbeitnehmern, die dann alle ausgenutzt werden und deren Familie aufgrund der neuen \u00d6ffnungszeiten total zerr\u00fcttet werden. Also bitte!<\/p>\n<p>Ich hab auch schon am Wochenende und nach 20 Uhr gearbeitet. Sowohl als Studentin als auch hier bei meinem aktuellen Job (ihr wisst schon, den mit der 40-Stunden-Woche und den geregelten Arbeitszeiten). Wenn niemand nach 20 Uhr und am Sonntag arbeiten w\u00fcrde, w\u00e4re es aber ganz sch\u00f6n langweilig in Deutschland. Keine Restaurants, keine Kinos, kein Theater. Tanken k\u00f6nnte man nicht mehr und der Notarzt ist leider erst wieder am Montag ab 9 Uhr zu erreichen. Bitte versuchen Sie doch, so lange noch am Leben zu bleiben. Von den ganzen Freiberuflern und denen, die trotz vertraglich festgelegter Arbeitszeiten Extrastunden schieben, mal abgesehen.<\/p>\n<p>Meine Tante, die drei Kinder hat, hat im Krankenhaus im Labor als MTA gearbeitet und hatte da (als Teilzeitkraft) regelm\u00e4\u00dfig Bereitschaftsdienste, wo sie dann auch teilweise die Nacht im Krankenhaus verbringen musste. Hat sich auch keiner dr\u00fcber beschwert, und es gab auch keine Scheidung und keine vernachl\u00e4ssigten Kinder.<\/p>\n<p>Die Zeiten haben sich nun mal ver\u00e4ndert. Es gibt keine &#8222;normalen&#8220; Arbeitszeiten mehr, Mutti bleibt auch schon lange nicht mehr zu Hause und hat ja dann genug Zeit, einzukaufen. \u00dcberall wird von Flexibilisierung und B\u00fcrokratieabbau geredet, nur bei den Ladenschlussgesetzen ist da offensichtlich Schlu\u00df mit lustig.<\/p>\n<p>Und jetzt zuletzt noch mal was zu dem sch\u00f6nen Argument, dass das ja offensichtlich sowieso keiner braucht, weil jetzt in der WM-Zeit kaum jemand das Angebot der l\u00e4ngeren \u00d6ffnungszeiten annimmt. Das braucht eben erfahrungsgem\u00e4\u00df seine Zeit, weil es eine Umstellung ist und wenn man jahrelang nicht nach 20 Uhr einkaufen kann, dann denkt man eben auch nicht unbedingt dran, dass das ja jetzt m\u00f6glich ist. War sonst auch nie anders.<\/p>\n<p>Das Ladenschlussgesetz ist f\u00fcr mich ein Relikt aus vergangenen Tagen. Die Aufhebung dieses Gesetzes h\u00e4tte nicht zur Folge, dass dann zwangsweise alle Gesch\u00e4fte zu jeder Zeit ge\u00f6ffnet haben m\u00fcsste, sondern dass die \u00d6ffnungszeiten flexibel an die Bed\u00fcrfnisse des einzelnen Gesch\u00e4ftes angepasst werden k\u00f6nnten. Wenn es sich nicht lohnt, am Sonntag zu \u00f6ffnen, l\u00e4sst man es eben. Ganz einfach. Der Einzelhandel k\u00f6nnte einfach ein wenig experimentieren. Ich w\u00fcrde mich freuen, wenn Deutschland irgendwann diesen offensichtlich so schweren Schritt tut.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Schon mal mitten am Tag im Supermarkt gewesen? Nichts ist da los. Gar nichts. Nat\u00fcrlich sehr entspannend zum Einkaufen, aber ob es sich f\u00fcr das Gesch\u00e4ft auch lohnt? Aber ich h\u00f6re auch niemanden nach der Mittagspause schreien, nur weil leider kaum jemand das Angebot annimmt, um 15 Uhr einkaufen zu gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich muss zugeben, dass ich die momentanen verl\u00e4ngerten \u00d6ffnungszeiten bislang noch nicht genutzt habe. Ich war weder nach 20 Uhr noch am Sonntag einkaufen, obwohl ich generell f\u00fcr die Abschaffung des Ladenschlussgesetzes bin. 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