Mein Senf: Einkaufen nach 20 Uhr

Ich muss zugeben, dass ich die momentanen verlängerten Öffnungszeiten bislang noch nicht genutzt habe. Ich war weder nach 20 Uhr noch am Sonntag einkaufen, obwohl ich generell für die Abschaffung des Ladenschlussgesetzes bin.

Der größte Irrtum ist ja meiner Meinung nach, dass bei Abschaffung des Ladenschlussgesetzes erstens alle Läden sowieso von jetzt auf gleich rund um die Uhr geöffnet sein müssten und zweitens, dass dann die großen Ketten die kleinen Läden endgültig alle überrollen und kaputt machen.

Natürlich bin ich kein Wirtschaftsgenie und kann auch ebenso wenig in die Zukunft sehen, aber ich würde mal behaupten, dass weder das eine noch das andere ernsthaft passieren wird.

Im Gegenteil: Die Aufhebung des Ladenschlussgesetzes könnte gerade den kleineren Läden zugute kommen. Jedenfalls, wenn mal ein wenig weiterdenkt (und dabei möglichst optimistisch ist, wie das halt so meine Art ist).

Ich habe insgesamt ca. vier Monate in den USA verbracht, davon fast drei in Hoboken, New Jersey, das dankbarerweise ungefähr fünfzehn Minuten (wahlweise mit dem Bus, der U-Bahn oder der Fähre) von Manhattan entfernt ist. Letztes Jahr haben wir unsere zweiwöchige Chicago-und-Große-Seen Tour gemacht. Dementsprechend bilde ich mir ein, zumindest ein bisschen über die Gepflogenheiten des amerikanischen Einzelhandels sagen zu können.

Das, was hier so teufelsgleich an die Wand gemalt wird, hab ich da jedenfalls nicht sehen können. Im Gegenteil, während bei uns die kleinen Läden in der Fußgängerzone in regelmäßigen Abständen auf und dann wieder dicht machen, gibt es z.B. in New York City und Chicago unglaublich viele kleine spezialisierte Geschäfte. Wahrscheinlich macht da auch gelegenlich mal eins pleite und ein anderes rückt nach, aber insgesamt machte der Einzelhandel da einen relativ gesunden Eindruck auf mich.

Nun aber zu den Öffnungszeiten und zu dem Mythos, dass in den USA immer alles um jede Zeit geöffnet hätte. Das ist jetzt mal richtiger Blödsinn. Ein Bekannter besitzt im Untergeschoss des Sears Towers in Chicago einen Blumenladen. Am Wochenende hat dieser Laden zu. Und zwar nicht nur am Sonntag, sondern auch am Samstag. Kommt eh keiner, weil am Wochenende im Loop nichts los ist. Auch unter der Woche ist der Laden (wenn ich mich richtig erinnere) nur bis 17 oder 18 Uhr geöffnet. Nix rund um die Uhr. Nix bis spät in die Nacht. Würde sich auch gar nicht lohnen.

Auch ansonsten hab ich viele kleine Läden gesehen, die erst am späten Vormittag öffneten, sich lange Mittagspausen gönnten, oder schon recht früh am Nachmittag wieder dicht machten. Eben immer so, wie es gerade passte. Wenn die Kunden erst am Nachmittag kommen, bitte. Macht man den Laden halt morgens gar nicht erst auf. Wenn ab 17 Uhr eh nichts mehr los ist, auch gut. Macht man halt zu und geht nach Hause. Flexibilisierung ist hier das Zauberwort. Letztendlich wird die Nachfrage klären, wann und wie lange man ein Geschäft geöffnet haben sollte.

Ich frage mich ja auch, ob der Einzelhandel nicht die letzte Bastion ist, wo noch große Arbeitszeitsregelungs-Fahnen geschwenkt werden, während überall anders schon längst andere Gesetze gelten.

Meine vertraglich festgelegte 40-Stunden-Woche ist ja de facto auch eher eine 42-Stunden-Woche und dabei habe ich das dumpfe Gefühl, dass das noch harmlos ist. Wenn die Geschäfte nur bis 18:30 geöffnet hätte, könnte ich teilweise unter der Woche gar nicht einkaufen, weil ich einfach morgens nicht weiß, wann ich nachmittags aus dem Büro komme. Wenn ich nach der Arbeit zur Post muss, muss ich teilweise dann früher gehen. So kluge Leute, die mir dann erzählen wollen, es käme alles nur auf die Planung an, können sich wohl glücklich schätzen, denn viele, viele andere Leute können halt nicht mehr so einfach planen, wenn eine Deadline erfüllt oder ein dringendes Problem behoben werden muss.

Mal abgesehen davon, dass ich eigentlich auch gar kein Planungsgenie sein will. Ich würde gerne spontan und flexibel entscheiden können, wann ich einkaufen gehe. Und wenn ich dann Sonntag abends Lust habe, in einem Bücherladen zu stöbern oder Schuhe zu kaufen, warum sollte ich das nicht prinzipiell können dürfen? Wenn dann in der Nähe kein Laden geöffnet ist, ist es mein Problem. Wenn aber jemand in der Nähe seinen Laden gerne um diese Zeit öffnen würde, warum nicht?

Und nun die Geschichte mit den armen Arbeitnehmern, die dann alle ausgenutzt werden und deren Familie aufgrund der neuen Öffnungszeiten total zerrüttet werden. Also bitte!

Ich hab auch schon am Wochenende und nach 20 Uhr gearbeitet. Sowohl als Studentin als auch hier bei meinem aktuellen Job (ihr wisst schon, den mit der 40-Stunden-Woche und den geregelten Arbeitszeiten). Wenn niemand nach 20 Uhr und am Sonntag arbeiten würde, wäre es aber ganz schön langweilig in Deutschland. Keine Restaurants, keine Kinos, kein Theater. Tanken könnte man nicht mehr und der Notarzt ist leider erst wieder am Montag ab 9 Uhr zu erreichen. Bitte versuchen Sie doch, so lange noch am Leben zu bleiben. Von den ganzen Freiberuflern und denen, die trotz vertraglich festgelegter Arbeitszeiten Extrastunden schieben, mal abgesehen.

Meine Tante, die drei Kinder hat, hat im Krankenhaus im Labor als MTA gearbeitet und hatte da (als Teilzeitkraft) regelmäßig Bereitschaftsdienste, wo sie dann auch teilweise die Nacht im Krankenhaus verbringen musste. Hat sich auch keiner drüber beschwert, und es gab auch keine Scheidung und keine vernachlässigten Kinder.

Die Zeiten haben sich nun mal verändert. Es gibt keine „normalen“ Arbeitszeiten mehr, Mutti bleibt auch schon lange nicht mehr zu Hause und hat ja dann genug Zeit, einzukaufen. Überall wird von Flexibilisierung und Bürokratieabbau geredet, nur bei den Ladenschlussgesetzen ist da offensichtlich Schluß mit lustig.

Und jetzt zuletzt noch mal was zu dem schönen Argument, dass das ja offensichtlich sowieso keiner braucht, weil jetzt in der WM-Zeit kaum jemand das Angebot der längeren Öffnungszeiten annimmt. Das braucht eben erfahrungsgemäß seine Zeit, weil es eine Umstellung ist und wenn man jahrelang nicht nach 20 Uhr einkaufen kann, dann denkt man eben auch nicht unbedingt dran, dass das ja jetzt möglich ist. War sonst auch nie anders.

Das Ladenschlussgesetz ist für mich ein Relikt aus vergangenen Tagen. Die Aufhebung dieses Gesetzes hätte nicht zur Folge, dass dann zwangsweise alle Geschäfte zu jeder Zeit geöffnet haben müsste, sondern dass die Öffnungszeiten flexibel an die Bedürfnisse des einzelnen Geschäftes angepasst werden könnten. Wenn es sich nicht lohnt, am Sonntag zu öffnen, lässt man es eben. Ganz einfach. Der Einzelhandel könnte einfach ein wenig experimentieren. Ich würde mich freuen, wenn Deutschland irgendwann diesen offensichtlich so schweren Schritt tut.

Übrigens: Schon mal mitten am Tag im Supermarkt gewesen? Nichts ist da los. Gar nichts. Natürlich sehr entspannend zum Einkaufen, aber ob es sich für das Geschäft auch lohnt? Aber ich höre auch niemanden nach der Mittagspause schreien, nur weil leider kaum jemand das Angebot annimmt, um 15 Uhr einkaufen zu gehen.


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Kommentare

5 Antworten zu „Mein Senf: Einkaufen nach 20 Uhr“

  1. Avatar von Thomas
    Thomas

    Ich wäre auch für eine Lockerung des Ladenschlußgesetzes, aber nicht ohne eine entsprechende Kernzeitregelung, zu der alle Läden offen sein sollten. Es ist organisatorisch sehr schwierig, wenn jeder Laden auf- und zu macht, wie es ihm gerade passt. Ich fand z.B. die frühere Regelung „Mittwoch nachmittags zu, dafür Donnerstag abends länger auf“ sehr gut, weil man seine Besorgungen darauf einrichten konnte. Ich wohne hier in einer Gegend, deren kleines Ladenzentrum am unteren Rand der Ausnutzung arbeitet und versuche, möglichst viel hier einzukaufen und nicht im Supermarkt. Vermutlich wird die demografische Entwicklung dazu führen, dass sich solche wohnortnahen Einkaufsmöglichkeiten zugunsten großer Einkaufszentren entwickeln, weil die entsprechende Mobilität in breiten Bevölkerungsschichten fehlen wird – das wiederum wird Auswirkungen auf die Öffnungszeiten haben.

  2. Avatar von Shopper
    Shopper

    Wie wahr, wie wahr, liebe Anne. Aber in diesem Land wird eben alles reguliert, bis einer heult. Für die WM kann man die Läden aufmachen, Straßen sperren, Grenzkontrollen einführen. Aber Läden einfach aufmachen, wann der Besitzer will, wo kämen wir denn da hin?
    Grenzt ja an Gotteslästerung, am Sonntag einkaufen zu gehen. Da geht dem Problemstoibär ja der gamsbartbesetzte Hut hoch.

  3. Avatar von EmmJay

    Die Gefahr ist aber doch, dass sich die kleineren immer weiter zurückziehen müssen. Du schreibt so leichtfertig „Wenn die Kunden erst am Nachmittag kommen, bitte. Macht man den Laden halt morgens gar nicht erst auf.“ Gut, und dann gehen die Kunden, die morgens kommen würden, zu den großen Ketten, die es sich leisten können, morgens zu öffnen. Und die bleiben dann vielleicht da, gehen gar nicht mehr zum kleinen Mann. Und das zwingt den ach so Flexiblen, entweder doch wieder früher aufzumachen, oder einen Preiskampf vom Zaun zu brechen, um den Kunden mehr zu bieten als der Große. Diesen Preiskampf aber kann er nicht gewinnen. Das mag kurzfristig sehr gut sein für den Konsumenten, aber sobald der Große die Überhand hat, diktiert er alleine die Preise und das wars dann …

    Hängt sehr von der lokalen Infrastruktur ab, ob sich eine Lockerung der Öffnungszeiten zum Guten oder zum Schlechten wendet. Auch während der WM nutzt nicht jedes kleine Ladengeschäft die Lockerungen; das wird schon seine Gründe haben …

  4. Avatar von Thomas
    Thomas

    @EmmJay: Derzeit läuft in Deutschland noch ziemlich viel Wettbewerb über den Preis, d.h. die Leute fahren gerne mal etliche Kilometer durch die Gegend zum nächsten Geizmarkt oder ins Einkaufszentrum. Das deutet darauf hin, dass Autofahren immer noch zu billig ist. Sobald sich Mobilität deutlich verteuert oder die individuelle Mobilität eingeschränkt wird, können diese Anbieter nicht mehr auf die Bedürfnisse des Kunden reagieren. Der kleine Tante-Emma-Laden ist dagegen in der Lage, auch mal Sonderwünsche zu erfüllen oder Waren ins Haus zu liefern. Dazu kommt ein zunehmendes Bedürfnis nach sozialer Vernetzung (der kleine Schwatz mit der netten Bedienung übers Wetter o.ä.), was das Einkaufszentrum nicht befriedigen kann. An meinem eigenen Konsumverhalten merke ich, dass mir der kleine Buchladen mit freundlicher Beratung doch lieber ist als Amazon und allgemein beim Onlineshopping die Versandkosten viele „Schnäppchen“ zunichte machen.

  5. Avatar von serotonic

    Wunderbar, und ganz meine Meinung.
    Das Argument, kleine Betriebe (ich spare mir mal „den kleinen Mann“) würden dann den Bach runtergehen, stimmt sicher im Kern, jedoch denke ich auch, dass der von Thomas angesprochene soziale Aspekt hier, auch hinsichtlich des Servicegedankens, helfen wird – sowie deren höhere Flexibilität.

    Seltsamerweise habe ich noch nie mit einem Einzelhandelsmitarbeiter gesprochen, der gegen das Kippen der Ladenschlusszeiten ist. Vielmehr jedoch mit Menschen, die lediglich einkaufen gehen, sowieso nur Nutznießer wären und der Meinung sind, das könne man den armen Einzelhandelsmitarbeitern nicht antun.

    Und wie du so schön sagst, gibt es massenhaft Berufsgruppen, regelmäßig die Sonntags, morgens vor dem Sonnenaufgang und auch mal abends nach Sonnenuntergang arbeiten müssen. Ich habe diese Erfahrung vor Jahren gemacht und mache sie jetzt wieder. Und ich bin der Meinung, dass meine Familie einen ganz gesunden Eindruck macht und ich dadurch weder körperlich noch geistig am Boden krieche. Nicht mehr, als meine in Agenturen beschäftigten Berufskollegen mit auf Wochentagen beschränkten Arbeitszeiten auch.

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