Nach der Lektüre des Interviews im Spiegel Online mit dem Herrn Studenten Lucas und dem Herrn Wissenschaftsminister Corts weiß ich jetzt ganz genau, warum mir diese protestierenden Studenten so egal sind. Das heißt, egal sind sie mir eigentlich nicht, sie gehen mir vielmehr auf die Nerven.
Besonders beeindruckt haben mich folgende Sätze des Herrn Lucas:
Ich bin aber gern bereit, das System später über die höheren Steuern, die ich als Akademiker voraussichtlich zahle, mitzufinanzieren.
Wer neun Semester studiert, hat letztlich durch Gebühren und Zinsen mehr als 7000 Euro Schulden und muss, wenn er monatlich 50 Euro tilgt, 13 Jahre lang zurückzahlen.
Dazu fällt mir spontan folgendes ein: Ich zahle jetzt schon seit fast zwei Jahren brav meine Steuern, nachdem ich nach zweieinhalb Jahren Ausbildung meinen ersten (diesen) Job bekommen habe. Ich würde auch gerne noch mal studieren, kann mir das aber im Moment aus diversen Gründen finanziell einfach nicht leisten.
Somit gehöre ich zu den netten Leuten, die zum Beispiel dem Herrn Lucas das Studium finanzieren.1
Meine Position war ja schon immer, dass Bildung eben ab einer gewissen Grenze nicht umsonst sein sollte. Durch ein Studium werden die Leute besser qualifiziert und haben damit auch die Chance, einen besser bezahlten Job zu bekommen. Das ist zumindest die Theorie. Auf eine Stelle, die unbedingt ein Studium erfordert, könnte ich mich einfach nicht bewerben. Das soll nicht heißen, dass man mit einer Ausbildung nicht auch gut qualifizierte und ebenso gut bezahlte Jobs erreichen kann, aber der Grundgedanke ist ja schon, dass mal als Akademiker bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat.
Dementsprechend sehe ich kein Problem darin, diese Bildung auch entsprechend zu bezahlen. Schließlich sollte man davon ausgehen können, dass man diese Extrainvestition später in Form von einem besseren Gehalt zurückbekommt.
Nun kann man ja argumentieren, dass es ja gerade im Moment in Deutschland fraglich ist, ob man als Akademiker, wenn überhaupt, einen guten Arbeitsplatz bekommt. Wenn ich das richtig verstehe, so muss man seine Studiengebühren und -darlehen ja in vielen Fällen eh erst zurückzahlen, wenn man eine angemessen bezahlte Stelle hat.
Aber selbst da sehe ich ja durchaus diverse Diskussionspunkte. Ich hab ja schon geschrieben, dass ich auch nichts davon halte, dass auf der einen Seite Studiengebühren gefordert werden, auf der anderen Seite aber nur recht lächerliche Stipendien- und Darlehensoptionen geboten werden. Da muss sich noch viel tun. Allerdings ändert das nichts daran, dass ich Studiengebühren generell für richtig halte.
So richtig mit dem Kopf schütteln musste ich aber bei dem zweiten oben zitierten Satz. Leidet denn der Herr Lucas an Realitätsverlust? Mir scheint es fast so, denn es hakt hier meiner Ansicht nach gleich an mehreren Punkten.
Punkt 1: 7000 Euro ist – mit Verlaub gesagt – eigentlich nicht viel. Jedenfalls nicht, wenn man einen halbwegs anständig bezahlten Job hat. Nach einem Jahr Bafög-Höchstsatz hatte ich Bafögschulden, die sich ungefähr auf die Hälfte dieses Betrags beliefen. Danach hab ich übrigens kein Bafög mehr bekommen, weil ich dann doch mindestens einmal zu oft meine Fächer gewechselt habe. Natürlich sind 7000 Euro viel Geld, aber man muss das Ganze meiner Ansicht nach doch mal in ein Verhältnis setzen.
Punkt 2: Herr Lucas möchte diese 7000 Euro also mit 50 Euro im Monat tilgen. Bitte was? Auch hier mal mit Verlaub gesagt, aber 50 Euro im Monat hab ich schon beiseite gelegt, als ich noch in der Ausbildung war. Mit meinem angemessenen, aber doch eher durchschnittlichen Gehalt, lege ich momentan deutlich mehr Geld beiseite als 50 Euro und komme immer noch gut hin. Wer also nach einem Studium eine angemessenen Job bekommt (wovon Herr Lucas ja zumindest laut der ersten Aussage oben ausgeht), und dann der Meinung ist, 50 Euro Tilgung pro Monat würden reichen, der ist wohl eher selbst schuld, wenn es ewig dauert, bis die Schulden getilgt sind.
Ein letzter Punkt sei noch erwähnt, dann bin ich auch schon wieder ruhig.
Bei all den Diskussionen um Bildung und Studengebühren und darum, wie wichtig Bildung doch sei und dass sie dementsprechend auf keinen Fall was kosten dürfe, interessiert mich dann doch mal, warum sich immer noch niemand darum gekümmert hat, dass hier in Deutschland viel zu wenig Kindergartenplätze zur Verfügung stehen und diese dann auch noch Geld kosten.
Wenn wir schon von Bildungsgerechtigkeit und so weiter reden, dann ist das für mich die erste Stelle, wo sich endlich mal was ändern müsste. Ist ja schließlich auch schon längst kein Geheimnis mehr, dass man viele Fähigkeiten (sowohl intellektueller als auch sozialer Natur) gerade in frühem Alter mit besonders großem Erfolg fördern und schulen kann. Dieses Recht auf Bildung wird aber hier immer noch ziemlich vielen kleinen Kindern vorenthalten.
Oder, wie damals im Fernsehen eine arbeitslose alleinerziehende Mutter sagte: „Es ist ganz einfach… ohne Kindergartenplatz kann ich keinen Job annehmen und ohne Job bekomme ich keinen Kindergartenplatz.“
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1 Also jedenfalls im Prinzip. Vielleicht nicht dem Herrn Lucas, dafür aber einem anderen Studenten hier in NRW. Ich weiß jetzt nicht, wie die Gelder da fließen.
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